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Das Vanda-Mobil bekommt Verstärkung

Seit September gibt es Verstärkung im Land: Denn nun ist das Vanda-Mobil 2 aus Neubrandenburg im östlichen Teil von MV unterwegs. Anmeldungen sind jederzeit ab jetzt möglich.





PRESSEMITTEILUNGEN

7.07.2009 | SVZ Schwerin

„Nur abstrafen  genügt nicht“
Reizthema Graffiti: Olaf Hagen von der Evangelischen Jugend setzt auf Einsichten


Illegal an Häuserwände gesprühte Graffiti sind ein Ärgernis. Doch was tun? Die Evangelische Jugend Schwerin will mit ihrem „Vanda-Mobil“ bei Schülern  ein Bewusstsein für die Konsequenzen von  Vandalismus schaffen. Mathias Gröckel sprach mit dem Projekt-Verantwortlichen Olaf Hagen.

SVZ: Vergangene Woche sind drei junge Graffiti-Sprayer, die in Schwerin rund 100 000 Euro Schaden angerichtet haben, zu mehrwöchigen Jugendarresten  und jeweils 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt worden. Finanzielle Forderungen stehen noch aus. Halten Sie diese Strafe für angemessen?

Hagen: Ich kenne den Fall nicht im Detail. Klar ist aber,  wir müssen Jugendlichen, die anderen Menschen geschadet haben, Grenzen aufzeigen. Arreste   können der manchmal notwendige Schuss vor den Bug sein. Das macht aber nur Sinn,  wenn  dadurch beim Jugendlichen ein Nachdenkprozess, eine kritische Betrachtung des eigenen Tuns ausgelöst wird. Dabei müssen wir den Jugendlichen helfen, dürfen sie nicht allein lassen.  Denn bloße Abstrafung kann vielleicht sogar verschärfend wirken, bei jungen Verurteilen das Gefühl verstärken, die Gesellschaft, der Staat, die Polizei wollten lediglich ,böse’ zu  ihnen sein.  Ein Urteil darf nicht die Zukunft verbauen. Hohe Geldstrafen, die über Jahrzehnte abgezahlt werden müssen, bergen die Gefahr, dass  sich  junge Leute aufgeben, weil sie keine Perspektive sehen.

In der Bevölkerung herrscht Unverständnis darüber, warum Jugendliche überhaupt zur Spraydose greifen und fremdes Eigentum besprühen. Können Sie aus Ihrer Erfahrung nachvollziehen, worin dabei der Reiz für die Sprayer liegt?

Mein zwölfjähriger Sohn findet Graffiti „cool“, wie er sagt. Die oft sehr eigenwilligen Zeichen und Buchstaben sind wie ein Geheimcode, weil Außenstehende sie kaum deuten können. Graffiti bieten also die Chance, etwas Eigenes wie einen Schatz zu hüten, den man höchstens mit Altersgenossen teilt.

Graffiti-Malerei als möglicher Ausdruck eines normalen Entwicklungsprozesses?

Wenn Sie so wollen, durchaus. Während des Erwachsenwerdens lehnen Jugendliche häufig Werte und Normen ihrer Eltern, der Gesellschaft kategorisch ab. Sie lösen sich von Vorgegebenem, als Voraussetzung dafür, sich selbst kennen zu lernen,  eigene Positionen definieren zu können. In diesem Abnabelungsprozess werden sich die Haare bunt gefärbt, laute Musik gehört oder  Graffiti gemalt. Die Jugendlichen befreien sich und wollen zugleich der Umwelt ihren Stempel aufdrücken. Dabei erscheint es ihnen manchmal reizvoll, etwas Verbotenes zu tun. Unverständnis hervorzurufen, Erwachsene vor den Kopf zu stoßen – das ist gewollt. Für Jugendliche ist die elterliche oder schulische Anerkennung lange nicht so wichtig, wie der Respekt von Gleichaltrigen. Der Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist in dieser Zeit wichtig. Das kann ein Sportverein sein oder eben eine Clique von Graffiti-Sprayern.

Zugespitzt gefragt: Ist die Gesellschaft manchen jugendlichen Handlungen also schlicht ausgeliefert?

Jugend wird sich immer an Bestehendem reiben. Dass es dabei zu Handlungen kommt, die nicht immer konform sind, müssen wir auch akzeptieren. Dieses Aufbegehren kann übrigens positive Folgen für uns alle haben. Wie oft waren es in der Geschichte junge Menschen, die gegen politische Zustände rebelliert haben und damit zu  einer Erneuerung der Gesellschaft beigetragen haben. Widerstand zeigt  immer auch Schwächen des Herrschenden auf. Es gibt Studien, die besagen, dass es dort wenige Graffiti gibt, wo sie von Diktaturen erbarmungslos verfolgt und damit fast unmöglich gemacht werden oder aber an Orten, an denen Jugendliche zufrieden sind.

Können Sie Hausbesitzer verstehen, die genervt sind, wenn ihre Fassaden besprüht werden?

Ich habe vollstes Verständnis, wenn sich Graffiti-Opfer darüber sehr ärgern, wenn das eigene Haus beschädigt wird. Die Betroffenen haben auch Anspruch auf Entschädigung. Doch lösen wir das Problem nicht, wenn wir die Täter nur bestrafen.

Seit 2007 schickt die Evangelische Jugend  das Vanda-Mobil an Schulen in MV. Welches Konzept steckt dahinter?

Jugendliche handeln oft ohne Bewusstsein dafür, welchen Schaden sie anrichten können. Deshalb  sollten wir ihnen die Konsequenzen ihres Tuns aufzeigen – für sich und für andere. Das Vanda-Mobil ist sehr hilfreich. In diesem Kleinbus gibt es ein verbranntes Sitzpolster. Gefragt, wie viel ein neuer Sitz kostet, schätzen die Jugendlichen die Summe auf 30 bis 40 Euro. Wenn sie hören, dass es 200 Euro kosten würde, sind sie erstaunt und fangen an nachzudenken. Eindrucksvoll ist auch, wenn die Jugendlichen aufgefordert werden, die Folgekosten für alle an ihrer Schule durch Graffiti entstandenen Schäden zusammenzurechnen. Da sind schnell mehrere tausend Euro zusammen. „Davon hätten wir mehrere Computer kaufen oder eine Klassenfahrt machen können“, lautet dann oft die erstaunte Reaktion. Mit solchen Beispielen transportieren wir das Thema in die Lebensrealität der Jugendlichen, lösen Reflexionen aus.

Mit messbarem Erfolg?

Keine leichte Frage. Jugendliche verlassen die Schule, andere wachsen heran. Prävention fängt immer wieder bei Null an. Ob wir unsere Kinder richtig erzogen haben, werden wir wohl erst an unseren Enkeln sehen.
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