13.03.2009 | SVZ
Sondereinsatz gegen Vandalismus
Das Vanda-Mobil kommt: Neues Präventionsprojekt soll die Zerstörungswut von Jugendlichen bremsen
Illegale Graffiti, eingeschlagene Scheiben, zerkratzte Autos – die durch Vandalismus verursachten Schäden gehen allein in Mecklenburg-Vorpommern jährlich in die Millionen. Um dem alltäglichen Wahn Grenzen zu setzen, hat die Evangelische Jugend Schwerin zusammen mit Heranwachsenden ein einzigartiges Projekt entwickelt, welches gelangweilten und frustrierten Kids die Augen öffnet. Seit September steuert das „Vanda-Mobil“ die Schulen des Landes an. Die Resonanz ist gewaltig.
Hans-Dieter Güßmann ist ein Mann, der eigentlich keine Rauchbomben zündet. Doch heute darf er mal. Ausnahmsweise. Gekonnt setzt er den Körper in Brand und wirft ihn in einen Getränkeautomaten. Qualm und Gestank machen sich breit. Da biegt mit lauter Sirene ein kleiner grüner Bus um die Ecke. Heraus springt ein Mann im orangefarbenen Overal. „Bei euch an der Schule ist randaliert worden?“ brüllt er aufgeregt eine Gruppe Mädchen und Jungen an. Die lächeln verunsichert zurück und blicken dann zu Hausmeister Güßmann, der noch immer die Streichhölzer in den Händen hält. Alles läuft bestens. Der Mann im Overal ist sich sicher: „Diesen Augenblick werden die jungen Leute von der Regionalen Schule in Banzkow, einem Dorf bei Schwerin, nicht so schnell wieder vergessen. Der Mann heißt Reinhard Sorge und leitet das Projekt „Vanda-Mobil“. Seit September reist er mit einem witzig besprühten, umgebauten Polizeitransporter zu Schulen in Mecklenburg-Vorpommern.
Er ist ein jugendlich wirkender Typ, 40 Jahre alt und im Pfarrhaus aufgewachsen. Sorge, der seit dem elften Lebensjahr Jugendarbeit macht, passt zum „Vanda-Mobil“ wie die Faust aufs Auge. Seine direkte, unverhohlene Art kommt an bei den Jungs und Mädels. Ohnehin ist das vom Innenministerium geförderte „Vanda-Mobil“, das ursprünglich eine Wanderausstellung werden sollte, wohl eines der wirkungsvollsten Präventionsprojekte seit Langem. Dass es so gut gelungen ist, verdankt das Ministerium der Evangelischen Jugend Schwerin. Alles, was Reinhard Sorge mit den Jugendlichen an diesem kalten Novembernachmittag machen wird, ist wie ein stimmiges Drehbuch, in dem es nie langweilig ist. Noch stehen sie auf dem riesigen betonierten Hof, neben ihrer Schule, einem alten DDR-Plattenbau und neben dem qualmenden Getränkeautomaten. Moment, wie heißt diese Schule eigentlich? Hausmeister Güßmann kann helfen. „Sie ist benannt nach so einem Neubauer aus dem Nachbardorf. Und der hieß Friedrich Wehmer.“
Zerstörung aus Langeweile und Frust
Der Qualm hat sich verzogen. Es wird ernst. Reinhard Sorge will von den Zehn- bis Zwölfjährigen wissen, wie teuer wohl so ein Getränkeautomat ist. Als die Zahl 3400 Euro fällt, schlucken viele. „So und jetzt überlegt mal genau, was an eurer Schule kaputt ist“, fordert Sorge und begibt sich mit den Halbwüchsigen auf die Suche. Es dauert nicht lange und sie werden fündig. Die Eingangsscheibe wurde am Wochenende zerstört, in der Wand ist ein Loch und der Verteilerkasten ist beschmiert. Jedes Mal erklärt Reinhard Sorge wie teuer die Reparatur ist und jedes Mal staunen die jungen Leute Bauklötze. Sie denken an die Höhe ihres Taschengeldes und begreifen langsam, welchen Wert fremdes Eigentum hat. Wenig später finden sich alle im Klassenraum wieder. Reinhard Sorge fragt, wer schon mal erwischt worden ist. Er will wissen, warum sie das getan haben. „Manchmal bricht ganz schön was raus“, wird er später sagen. Die Gründe für Vandalismus seien jedenfalls immer die gleichen: Langeweile oder Frust in der Schule und im familiären Umfeld. Dann erzählt Reinhard Sorge den Jungen und Mädchen vom Führungszeugnis. Viele der kurz vor der Pubertät Stehende haben noch nie davon gehört. „Was ist, wenn einer von euch sprüht und zwei gucken zu?“, will er wissen und gibt später selbst die Antwort. „Klar ist, dass alle drei blechen müssen und das viele Jahre lang.“ Jetzt wird es Zeit, die Schäden zusammenzurechnen. Sie kommen auf insgesamt 1510 Euro. Diese Zahl werden sie später auf ein Plakat schreiben und es an die Eingangstür hängen.
Hohe Nachfrage, neue Standorte geplant
„Im Großen und Ganzen, stellt Vanda-Mobilist Sorge fest, „ist eure Schule relativ in Ordnung.“ Schulleiterin Barbara Kalkstein hört das gern. „Der Vandalismus hat sich bei uns entspannt und ist längst nicht mehr so stark wie vor zehn Jahren. Vielleicht auch, weil wir weniger Schüler haben.“ Anderen Einrichtungen im Land geht es dagegen miserabel. An einer Schule in Schwerin hat Reinhard Sorge vor Kurzem einen Gesamtschaden von 78 000 Euro ermittelt. „Wir waren die vergangenen Wochen viel an Förderschulen unterwegs, aber auch Gymnasiasten haben ganz schön was geladen.“ Kein Wunder also, dass der Andrang auf das „Vanda-Mobil“ gewaltig ist. „Die Rückmeldung von den Lehrern ist sehr gut. Ich könnte jeden Tag losfahren“, so Sorge. Doch der Andrang ist momentan nicht zu bewältigen. Denn noch reichen die Kapazitäten und das Geld nur, um das „Vanda-Mobil“ einmal die Woche von Schwerin aus auf die Reise zu schicken. „Es ist kaum möglich das riesige Land MV abzudecken“, so der Jugendarbeiter. „Wir führen aber Gespräche, um einen zweiten Standort des „Vanda-Mobils“ in Neubrandenburg zu etablieren. Wünschenswert wäre aber noch ein dritter in Rostock. Zurück nach Banzkow. Inzwischen stehen die Schüler wieder auf dem Hof. Sie sind gespannt darauf, was als Nächstes passiert. „Was Böses machen“ ist angesagt. Reinhard Sorge hat eine Autotür mitgebracht, an der sie herumkratzen und gegentreten dürfen und er hat eine Wand aufgestellt, die besprüht werden darf. „Und jetzt zeig’ ich euch mal, wie ihr euren Frust auch anders loswerden könnt.“ Das Gedränge ist groß. Jeder will boxen oder mit dem Rad fahren. Und dann hat Reinhard Sorge noch eine Idee. „Wenn ihr sauer seid, sucht euch auf dem Schulhof eine Ecke und ruft laut Scheiße.“ Das lassen sich die Jugendlichen nicht zweimal sagen. Sie rennen los und brüllen sich an diesem eiskalten Tag die Seele aus dem Leib.
Prävention „auf Augenhöhe“
Das vom Innenministerium mit 15 500 Euro geförderte Projekt „Vanda-Mobil“ des Landesrats für Kriminalitätsvorbeugung und der Evangelischen Jugend Schwerin versteht sich als Teil eines ganzen Maßnahmepakets gegen Vandalismus. Der Einsatzort Schule ist dabei nicht von ungefähr gewählt. „Statistisch gesehen hat jeder zehnte Jugendliche bereits mindestens einmal mutwillig Gegenstände zerstört“, sagt Marieke Sobiech, die das Konzept für das „Vanda-Mobil“ entwickelt hat. Die Idee, mit einem besprühten Kleinbus Schulhöfe anzusteuern, entwickelte sie gemeinsam mit jungen Schwerinern. „Dröge Informationstafeln in Stadt- und Rathäusern interessieren keinen Jugendlichen“, ist die freie Jugendprojektleiterin überzeugt. Dabei gehe es nicht darum den Moralapostel zu spielen, sondern mit den Jugendlichen „auf Augenhöhe“ ins Gespräch zu kommen. Marieke Sobiech ist sich aber auch der Grenzen des Projektes bewusst: „Wir können die Auseinandersetzung mit dem Thema nur anregen. Vor Ort müssen Lehrer, Eltern sowie die Verantwortlichen der Kommunen gemeinsam mit den Jugendlichen aktiv werden, um Alternativen und ein langfristiges Problembewusstsein zu schaffen.“
Kontakt können Schulen unter 0385/7582923 oder info@vanda-mobil.de aufnehmen. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.vanda-mobil.de.
Autor: Anja Bölck